„Thena, erinnere dich.“ – Warum Erinnerung Identität schafft
- Yannick-Maria Reimers
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Wer wärst du, wenn du dich an nichts erinnern könntest?
Dieser Beitrag ist eine Einladung, einen Film nicht nur als Unterhaltung, sondern als kulturellen Denkraum zu erleben. Gemeinsam schauen wir auf Thena und Gilgamesh aus Marvels Eternals. Dabei geht es um Trauma, Erinnerung, Fürsorge, Gewalt und die Frage, wie Geschichten uns helfen können, Erfahrungen neu zu verstehen. Gleichzeitig verbinde ich diese Figuren mit meinen eigenen Erfahrungen und mit öffentlichen Aspekten der Biografie von Angelina Jolie. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, Filmfigur und Schauspielerin gleichzusetzen, sondern darum zu fragen, wie öffentliche Erfahrungen unsere Wahrnehmung einer Rolle beeinflussen können.
Wenn die Vergangenheit nicht vergeht
Thena leidet unter Mad Wy'ry. Der Film zeigt dies nicht einfach als Gedächtnisstörung, sondern als Zustand, in dem Erinnerungen immer wieder in die Gegenwart einbrechen. Bestimmte Situationen scheinen sie zu triggern. Gewalt, Kämpfe und belastende Erinnerungen überlagern ihre Wahrnehmung, bis sie Freund*innen nicht mehr von Feind*innen unterscheiden kann. Sie möchte niemanden verletzen – und tut es dennoch. Gerade diese Ambivalenz macht ihre Figur für mich so bewegend.
Trauma verändert Wahrnehmung
Eine reflexitainment-orientierte Lesart fragt deshalb nicht nur, was Thena tut, sondern wie ihre Wahrnehmung geprägt wird. Traumatische Erfahrungen verschwinden nicht einfach. Sie können bewirken, dass die Gegenwart ständig durch die Vergangenheit gelesen wird. Der Film lädt dazu ein, über die Folgen von Gewalt nachzudenken und darüber, weshalb Menschen manchmal so handeln, wie sie selbst es eigentlich nicht möchten.
Gilgamesh: Fürsorge statt Kontrolle
Gilgamesh versucht nicht, Thena zu reparieren. Er begleitet sie. Er schützt sie, ohne ihr ihre Würde zu nehmen. Für mich erzählt der Film damit eine andere Form von Stärke. Wahre Fürsorge bedeutet nicht immer, sofort Lösungen zu finden. Manchmal bedeutet sie, einen Menschen in schweren Zeiten nicht allein zu lassen.
„Thena, erinnere dich.“ – Mehr als die letzten Worte eines Freundes
Kurz bevor Gilgamesh stirbt, sagt er zu Thena: „Thena, erinnere dich.“ Je länger ich über diesen Satz nachdenke, desto mehr löst er sich für mich von der konkreten Filmszene. Er wird zu einer Frage, die weit über Eternals hinausreicht.
Woran sollen wir uns erinnern?
An unsere Vergangenheit? An die Menschen, die wir geliebt haben? An die Erfahrungen, die uns geprägt haben? Oder vielleicht daran, wer wir trotz unserer Verletzungen eigentlich sind?
Traumatische Erfahrungen können dazu führen, dass Erinnerungen unsere Wahrnehmung der Gegenwart überlagern. Doch Gilgameshs Worte laden nicht dazu ein, ausschließlich den Schmerz festzuhalten. Sie erinnern Thena vielmehr daran, dass ihre Identität größer ist als ihre traumatischen Erfahrungen. Dass sie nicht nur aus Angst, Gewalt und Verlust besteht, sondern auch aus Liebe, Freundschaft, Hoffnung und all den Beziehungen, die sie im Laufe ihres Lebens aufgebaut hat.
Gerade deshalb berührt mich dieser Satz so sehr. Auch Reflexitainment beginnt mit einer Form des Erinnerns. Nicht mit nostalgischem Zurückblicken, sondern mit der Frage: Welche Geschichten haben mich zu dem Menschen gemacht, der ich heute bin – und welche Geschichten möchte ich weitererzählen?
Vielleicht ist Erinnern deshalb keine Bewegung zurück in die Vergangenheit. Vielleicht ist es der erste Schritt in eine bewusstere Zukunft.
Angelina Jolie und öffentliche Erfahrungen
Für mich erhält diese Rolle eine zusätzliche Ebene durch öffentliche Berichte über Angelina Jolies Engagement gegen Gewalt und ihren Einsatz für ihre Kinder während der Konflikte mit ihrem ehemaligen Ehemann Brad Pitt. Diese öffentlich bekannten Ereignisse erklären die Figur nicht und dürfen nicht mit ihr gleichgesetzt werden. Sie können jedoch beeinflussen, wie Zuschauer*innen ihre Darstellung wahrnehmen. Wenn Thena im Film versucht, andere zu beschützen, obwohl sie selbst von belastenden Erinnerungen gezeichnet ist, entsteht für mich eine interessante Resonanz zwischen öffentlicher Biografie und künstlerischer Rolle. Im Film werden nicht Kinder beschützt, sondern symbolisch die Menschheit. Gerade diese Parallele eröffnet einen spannenden Reflexionsraum.
Meine eigene Verbindung
Diese Geschichte erinnert mich zugleich an meine Gewalterfahrungen und Trauma. Ob es der Verlust meiner Mama ist oder Diskriminierung, beides hinterlässt Narben auf der Haut meines Herzens, die oft erst durch das Teilen und Austausch sichtbar werden und so die Möglichkeit zu heilen bekommen. Rumi drückt es so aus "Die Wunde ist der Ort, in der das Licht eintritt". Damit sollen traumatische Erfahrungen nicht romantisiert werden. Nicht jeder transformiert Wunden in Wunder, also in Weiterentwicklung. Aber wer sich immer wieder intensiv mit den eigenen Wunden auseinandersetzt und versucht sie zu heilen, finden vielleicht mit der Zeit eher einen Umgang und Lösungswege, als Menschen die ihre Wunden nicht behandeln und sich entzünden lassen.
Reflexitainment und Charakterentwicklung
Genau hier setzt Reflexitainment an. Geschichten können Traumata nicht ungeschehen machen. Sie können aber Worte, Bilder und Beziehungen anbieten, mit deren Hilfe wir Erfahrungen neu einordnen. Sie eröffnen Räume, in denen wir lernen, Verantwortung zu übernehmen, Mitgefühl zu entwickeln und andere Perspektiven kennenzulernen. Durch die tiefere Reflexion unserer Wunden kann daraus eine transformative Kraft entstehen.
Vielleicht ist genau das die tiefere Bedeutung von Gilgameshs letzten Worten: „Thena, erinnere dich.“ Nicht, um für immer in der Vergangenheit zu leben. Sondern um dich daran zu erinnern, wer du bist, wer du geworden bist und welche Geschichte du von nun an weitererzählen möchtest.
Ausblick
Im nächsten Beitrag geht es um Arishem und Ikaris. Dort verschiebt sich der Blick von der persönlichen Erinnerung zu Macht, Gehorsam und Verantwortung. Was geschieht, wenn ein System Menschen nur noch als Mittel zum Zweck betrachtet – und wie können Beziehungen selbst tief verwurzelte Weltbilder verändern?



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