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Arishem und Ikaris – Wenn Gehorsam wichtiger wird als Menschlichkeit

Nachdem wir uns mit Ajak, Sersi, Thena und Gilgamesh beschäftigt haben, verändert sich nun die Perspektive. Dieser Beitrag stellt nicht die Frage, wie Beziehungen uns verändern, sondern was geschieht, wenn Systeme verlangen, dass wir Beziehungen zugunsten eines höheren Ziels aufgeben. Anhand von Arishem und Ikaris möchte ich zeigen, warum Eternals für mich weit mehr ist als Science-Fiction und weshalb diese Figuren dazu einladen, über Macht, Verantwortung und Moral nachzudenken.


Arishem – Die Logik des großen Plans

Arishem betrachtet die Menschheit aus einer kosmischen Perspektive. Für ihn ist sie Teil eines größeren Kreislaufs. Einzelne Leben spielen kaum eine Rolle, solange der Gesamtplan erfüllt wird. Diese Denkweise begegnet uns nicht nur in Filmen. Immer wieder rechtfertigen Institutionen oder Ideologien Leid mit dem Versprechen eines größeren Nutzens. Genau hier beginnt für mich eine kulturwissenschaftliche Frage: Wer entscheidet eigentlich, welches Leben geopfert werden darf und welches geschützt werden muss?


Ikaris – Zwischen Loyalität und Gewissen

Ikaris ist keine eindimensionale Figur. Er glaubt aufrichtig, das Richtige zu tun. Gerade deshalb ist er interessant. Sein innerer Konflikt entsteht nicht aus Bosheit, sondern aus der Spannung zwischen Gehorsam und Beziehung. Er liebt Sersi und fühlt sich gleichzeitig Arishems Auftrag verpflichtet. Der Film zeigt, dass moralische Dilemmata oft dort entstehen, wo unterschiedliche Verantwortungen miteinander kollidieren.


Liebe verändert auch die Unsterblichen

Für mich erreicht Ikaris Geschichte ihren emotionalen Höhepunkt nicht in den Kämpfen, sondern in dem Moment, in dem er kurz vor der Emergenz Sersi gegenübersteht. Um Arishems Plan zu erfüllen, müsste er sie töten. Es scheint der einzige Weg zu sein, die Emergenz geschehen zu lassen. Doch genau in diesem Augenblick scheitert sein Gehorsam an etwas, das er über Jahrtausende eigentlich nicht hätte entwickeln sollen: an seiner Liebe.

Gerade das macht die Eternals für mich so spannend. Körperlich scheinen sie sich kaum zu verändern. Emotional jedoch entwickeln sie sich ständig weiter. Sie schließen Freundschaften, verlieben sich, trauern, zweifeln und verändern dadurch ihre moralischen Überzeugungen. Beziehungen werden zu einem Motor ihrer Entwicklung.

Auch Ikaris verändert sich. Er beginnt den Film als der Eternal, der Arishems Auftrag am konsequentesten verfolgt. Doch seine Liebe zu Sersi lässt ihn zögern. Am Ende schließt auch er sich dem Unimind an, der die Emergence verhindert. Für mich zeigt sich darin, dass selbst tief verankerte Weltbilder durch Beziehungen erschüttert werden können.

Nach der Ermordung Ajaks und dem Scheitern seiner Mission kann Ikaris mit den Folgen seines Handelns nicht mehr leben. Ich lese sein Ende deshalb als tragische Geschichte eines Menschen, der erkennt, dass unreflektierter Gehorsam ihn genau das gekostet hat, was ihm am wichtigsten geworden ist.


Warum mich Ikaris an meinen Vater erinnert

Deshalb musste ich während des Films immer wieder an meinen Vater denken. Als ich jünger war, machte er häufig queerfeindliche Bemerkungen oder Schwulenwitze. Damals hätte ich mir kaum vorstellen können, dass sich unser Verhältnis diesbezüglich einmal grundlegend verändern würde.

Seitdem meine Mutter gestorben war und mein Vater selbst an Krebs erkrankte, begann sich etwas zu verschieben, was mir erst später klar wurde. Beides konfrontierte ihn mit der Endlichkeit des Lebens und mit der Frage, was im Leben wirklich zählt. Als ich mich outete, war unsere Beziehung nicht plötzlich konfliktfrei. Wir führten viele schwierige Gespräche, stritten und rangen miteinander. Doch hinter all dem stand eine Entwicklung, die mich bis heute berührt: Seine Liebe zu mir war stärker als viele seiner bisherigen Überzeugungen.

Gerade deshalb erinnert mich seine Geschichte an Ikaris. Natürlich sind die Situationen nicht vergleichbar. Doch beide erzählen für mich von einer ähnlichen Bewegung: Menschen sind nicht auf ihre bisherigen Weltbilder festgelegt. Beziehungen können selbst tief verwurzelte Überzeugungen verändern. Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einem besseren Argument, sondern mit einem Menschen, den wir lieben.


Ajak als Gegenbild

Die Entscheidung Ajaks erhält dadurch eine neue Bedeutung. Sie verfügt über dieselben Informationen wie Ikaris, gelangt jedoch zu einer anderen moralischen Bewertung. Menschen verändern nicht nur die Welt – sie verändern auch diejenigen, die ihnen begegnen. Genau darin sehe ich eine der stärksten Aussagen des Films: Erkenntnis entsteht nicht allein aus Wissen, sondern auch aus Beziehung.


Reflexitainment und Machtkritik

Reflexitainment lädt dazu ein, Geschichten nicht nur auf ihre Handlung zu reduzieren, sondern nach den Weltbildern zu fragen, die sie sichtbar machen. Welche Vorstellungen von Fortschritt, Gehorsam oder Verantwortung werden erzählt? Welche Alternativen werden denkbar? Aus dieser Perspektive wird Eternals zu einem Gespräch über Ethik, Demokratie und die Frage, wie wir miteinander leben möchten. Und wie wir uns verändern können, um ein wirklich sinnvolles Leben zu führen. Ohne falschen Idealen und systematischer Manipulation zu erliegen.

Systeme verlangen Gehorsam. Beziehungen ermöglichen Veränderung.


Zum Mitnehmen

Vielleicht beginnt Verantwortung genau dort, wo wir bereit sind, auch scheinbar selbstverständliche Aufträge kritisch zu hinterfragen. Geschichten können uns dabei helfen, diese Fragen nicht abstrakt, sondern anhand von Figuren und Beziehungen zu durchdenken. Deshalb ist Arishems Plan nicht nur ein kosmischer Konflikt, sondern auch eine Einladung, über unsere eigenen Entscheidungen nachzudenken.


Ausblick

Im nächsten Beitrag richte ich den Blick auf Phastos und Sprite. Gemeinsam fragen wir, wie Geschichten, Technik und Kreativität unsere Vorstellungen von Zukunft prägen und weshalb kulturelle Entwicklung immer auch eine Frage der Verantwortung ist.

 
 
 

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