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Kunst-Aktivismus mit biografischen Ansatz

Wie kann Kunst-Aktivismus etwas in der Welt verändern und welche Hindernisse gibt es?

Dieses Buch schrieb und malte ich, weil an so vielen Orten nicht nur queere Themen unsichtbar gemacht oder negiert werden.

Immer wieder sage ich: So ein Buch hätte mir in der Kindheit und Jugend einiges an Selbsthass erspart und ich hätte mich viel besser selbst gefunden. Das geht bestimmt vielen so. Das Buch habe ich meinen Eltern gewidmet. Meiner Mama, die ich verlor, als ich acht Jahre alt war und meinen Papa, der 2016 starb. Papa hat gerne geschrieben, Mama auch, nur hat sie darüber hinaus noch gerne gemalt. In dem Buch habe ich die kreativen Facetten der beiden vereint und trage sie so immer bei mir. Mama idealisiere ich wahrscheinlich so wie es Kinder nun einmal tun, die früh ihre Mutter verloren haben.

Papa war immer für mich da, er kam jedes Mal zu meinen Auftritten. Wir hätten füreinander gemordet, denn wir hatten nur uns und die beidseitige Verlustangst hielt uns noch später zusammen, als ich meine Regenbogenfarben entdeckte.

Er brauchte Jahre, um dies zu akzeptieren, und ich hörte am Anfang oft "Hier kommt so einer aber nicht nach Hause". Er meinte schwule Jungs, er hatte wohl Angst vor der Begegnung, wenn ich wen anfangen würde zu Daten. Ich war da so 15 Jahre alt.

Sichtbarkeit von und Begegnung mit queeren Menschen hätte mir so viel erspart, ihn sicher auch. Denn paar Jahre später verstand er sich dann doch ziemlich gut mit meinem ersten Freund. Auch wenn er glücklicher war, als ich später eine Freundin hatte.

Er wünschte sich so sehr Enkel. Es gibt viele Ideale, die uns nach etwas streben lassen, dass anderen ihr leben versaut oder auch das eigene Leben. Nach Mamas Tod und einer langen Zeit des Frustessens war ich sehr dick und schämte mich. Dick-Sein heißt in den Augen der Gesellschaft faul, eklig, nicht liebenswert zu sein. Wie dankbar bin ich jetzt für die Sängerin Lizzo und das ich durch das Propagieren von toxischen Schönheitsidealen wie bei "Germany next Topmodel" an keiner Magersucht erkrankt bin, wie einige aus meiner Familie.

Papa war immer für mich da, trotzdem hat er mit Freund*innen so skurrile Sachen gemacht wie Hitlers Geburtstag zu feiern. Als ich ihn später, als ich älter würde und reflektieren lernte, damit konfrontierte, stritt er zornig alles ab.

Er wäre doch kein Nazi und "sie" (meine Familie väterlicherseits), hätten doch den Arbeitenden damals Kartoffeln zugesteckt, als diese Kartoffelschalen erbrochen hatten. Sie waren zum Schälen der Kartoffeln eingestellt und hatten selbst kaum Essen in der Nachkriegszeit.

Diese starke Zuneigung für meinen Vater, weil er mich so liebte und sich kümmerte und dann diese Aspekte, die rechten Sprüche, die er gerne brachte. Ich tat dies immer als Scherz ab und ich denke bis heute, er vertrat keine Ideologie. Hin oder her, dass macht diese Taten auch nicht besser ...

Es gibt einiges, dass ich in meinem neuen Buch aufarbeiten möchte und mich beschäftigt so viel mehr. Der Pride kommt auf uns zu und vieles hat sich bei mir verändert. Kopf und Herz rasen momentan schneller, als die AfD die Grenzen des Sagbaren im Bundestag verschiebt. Und die sind echt fix, diese demokratiefeindlichen Manipulator*innen ... Früher hätte ich wohl gesagt "Diese Idioten" oder "dummen Menschen", unwissend, dass dies nicht nur behindertenfeindlich ist (also Menschen mit psychischen Behinderungen diskriminiert), sondern auch falsch ist. Die gehen intelligent vor. Das ist ja das Gefährliche. Außerdem wäre es mir dann um das Abwerten von denen gegangen, anstatt um gerechtfertigte und exakte Kritik.

Abwerten und Beleidigen bringt gar niemanden was, außer sich kurz mal besser zu fühlen (hallo Ego) und das Gegenüber zum noch stärkeren Beleidigen zu motivieren. Dieser Teufelskreis endet dann schlimmsten Falles in physischer Gewalt. Und weil nicht nur die AfD in dem Bundestag rennt und in so vielen Teilen der Welt die Demokratie brennt, ist es brennend an der Zeit, dass ich mit "uns" und mit "Dir" spreche.

Wir sollten nicht nur während des PrideMonth über Feindlichkeiten und strukturelle Diskriminierung und Ausbeutung sprechen. Das mag anstrengend für Menschen sein, allerdings ist es für Menschen ohne Privilegien viel anstrengender, jeden Tag mit Gewalt in unserer Gesellschaft konfrontiert zu sein.

Ich persönlich blende die Blicke und Äußerungen nicht einfach aus. Ob es nun beim Bahnfahren, durch die Straßen gehen oder beim Einkaufen ist. Minderheitenstress kennt viele Facetten.

Wenn Du keine binären Pronomen hast, erlebst Du ständig eine Herabwürdigung und Unsichtbarmachung Deiner Identität. Ob es nun absichtlich oder nicht ist. Das macht wütend und diese Wut hat es verdient gesehen und ernst genommen zu werden. Nicht nur meine eigene Wut. Die von vielen Menschen aus den Communitys. Grade nichtbinäretrans* Personen erfahren mehr Gewalt als Du glaubst. Dich mit solchen Themen auseinanderzusetzen gehört zu Deiner Verantwortung als privilegierter Mensch und auch ich bilde mich fast täglich weiter, lese Bücher über Antirassismus, Ableismus spreche mit Menschen unterschiedlichster Religionen.

Ich weiß, wir haben alle ein Leben und arbeiten viel. Dann soll sich noch mit so schweren Themen beschäftigt werden?

Mir wäre es auch lieber, wenn Schulen und Unternehmen während der Schul- und Arbeitszeit Wissens- und Erfahrungsangebote umsetzen. Also die Strukturen schaffen, um strukturelle Gewalt zu vermindernd und hoffentlich dann irgendwann ganz zu verhindern. Sodass neue Strukturen des Miteinanders implementiert werden und der Fokus auf das Positive gelegt werden kann. Ich versuche immer freundlich und offen auf Menschen zuzugehen und aufzuklären, wo ich kann. An manchen Tagen geht das sehr gut. An anderen Tagen (insbesondere, wenn ich mal besonders viel Transfeindlichkeit oder auch allgemein Negatives erfahren habe), ist es herausfordernd.

Momentan arbeite ich mehr als zuvor, finde mich in einem Broterwerb zurecht, lerne viel Neues, total nette Menschen kennen und muss Kräfte für Selbstständigkeit und fortführende Projekte neu austarieren. Vieles ist momentan neu und in dieser Fülle muss ich mich wieder finden. Für marginalisierte Menschen ist das eh schon nicht so einfach. Weil uns oft gesagt wird, dass wir nichts wert sind oder gefährlich sind oder uns positive Vorurteile übergestülpt werden (so, kennt man „uns“ ja aus den Medien).

Für die eigene Identität einzustehen ist für uns oft ein Kampf, für manche mehr und andere weniger. Grade Menschen, die besonders kämpfen, haben Anerkennung verdient und unsere Vorfahren haben es uns ermöglicht, heute ein Stück vorangekommen zu sein. Wir führen den Kampf nicht nur im PrideMonth, wo über paar Tage viele Unternehmen Pinkwashing betreiben (oft, mehr selbst profitieren, als das sie wirklich etwas verändern).

Wir führen Tag täglich diesen Kampf. Ob er Dir bewusst ist oder nicht. Solange ich um meine Sicherheit fürchten muss, sobald ich die Haustür verlasse, meinen Freund an der Hand halte, solange ich beleidigt, bedroht, getreten und bespuckt werde (ja ist mir alles passiert), solange ist es Deine Pflicht, sich auch mit solch schweren Themen auseinanderzusetzen. So lange ist es die Pflicht von Politik und Gesellschaft, Strukturen zu schaffen, in denen Menschen lernen, Vorurteile abbauen, sich verstehen können, Betroffene empowert werden und heilen und wir als Gesellschaft wirklich zusammenfinden und Demokratie leben können. Wenn Dir jemand mit dem eigenen Herzensthema begegnet und sich Dir öffnet, dann sei dankbar und zeige davor Respekt. Das ist nicht einfach und wir erfahren viel zu oft Ablehnung.

So offen von sich selbst zu erzählen, so einen Text zu schreiben, das ist nicht einfach. Es ist kein Nice-To-Have und das macht nicht jeder Mensch einfach mal so. Selbst innerhalb der Community gibt es Hierarchien, Ausgrenzung, Diskriminierung und Unsensibilität. Die Welt ist nicht für alle sicher. Am Ende wollen wir jedoch alle Liebe empfinden und unser Leben frei entfalten dürfen. Ambiguitätstoleranz.

Gegensätze und Unterschiedlichkeiten gilt es oft auszuhalten. Das merke ich in meiner Familiengeschichte und vielleicht kennst Du es auch in Deiner. Trotzdem gibt es Grenzen, die nicht überschritten werden sollten. Wenn die Liebe nicht mehr ausreicht, um sich zu hinterfragen, um Feindlichkeiten zuzugeben und aufzuhören. Wir reden immer vom Anfangen. Manchmal reicht es schon aufzuhören. Papa hat aufgehört, Schwulenwitze zu machen, er hat nach meinen Protesten aufgehört, Hitlers Geburtstag zu feiern. Das macht es nicht weniger schlimm, dass er es getan hat. Es macht nur die Zukunft besser.

Und diese Zukunft müssen wir gestalten, denn Feindlichkeiten breiten sich wieder mehr aus. In Florida bedroht ein Gesetz "Don't Say Gay" queere Menschen und weitere Gesetze der dortigen Regierung unter Ron DeSantis diskriminieren marginalisierte Menschen aus unterschiedlichen Communitys.

Der Umgang mit diesen neuen Gesetzen wird Lehrenden folgendermaßen erklärt: "Lehrende dürfen Folgendes nicht behaupten: Eine Gruppe steht moralisch über einer anderen Gruppe, wenn diese Gruppen nach Ethnie, Hautfarbe, Nationalität oder sexueller Orientierung definiert werden. Lehrende dürfen Folgendes nicht behaupten: Eine Person wird alleine wegen ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer sexuellen Identität entweder privilegiert oder unterdrückt. Lehrende dürfen Folgendes nicht behaupten: Eine Person trägt aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit, ihrer Hautfarbe, ihrer Nationalität oder ihrer sexuellen Identität eine bestimmte Verantwortung und sollte sich schuldig fühlen aufgrund vergangener Handlungen, die von Mitgliedern ihrer Gruppe begangen wurden.

Mohamed Amjahid erkennt in seinem Artikel exakt die Botschaft dahinter: "Es existiert keine strukturelle Unterdrückung. Kein systematischer Rassismus, keine Diskriminierung aufgrund der sexuellen Orientierung, keine gesellschaftliche Verantwortung dafür und wer das Gegenteil behauptet, muss mit juristischen Folgen rechnen."

Diese Gesetze und solche Einstellungen legitimieren Gewalt und machen Leiderfahrungen unsichtbar. "Don't Say Gay" sieht vor, dass nicht mit Schüler*innen bis zur 4. Klasse über queere Themen gesprochen werden darf. Eine weitere Initiative will nun dafür sorgen, dass es auch über die 4. Klasse hinaus verboten sein soll.Die Leiderfahrungen, die ich und viele andere junge Menschen machen mussten und die ich mit Chancen wie durch so ein Bilderbuch verringern möchte, werden zunichtegemacht. Nicht über sich selbst, die Community und diese Strukturen sprechen zu dürfen, kriminalisiertAktivist*innen, die mit ihrer Aufklärungsarbeit Letztenendes nichts weiter tun, als Menschen zu helfen und konkret damit Leben zu retten. Auf die hohe Suizidrate und damit verbundene Aspekte gehe ich auch hier ein.

Wie wäre es, wenn wir lernen, unsere Unterschiedlichkeiten anzuerkennen und zu feiern? Wir brauchen keine Menschen, die sich ab und an mal kurz auf eine Bühne stellen, irgendwelche Zertifikate abschließen oder mit einer Person aus einer marginalisierten Gruppe befreundet sind, nur um ein Image der Liberalität zu haben, zeigen zu können, wie offen man doch wäre und ja gar nicht rassistisch, ableistisch,queerfeindlich, antisemitisch, islamfeindlich, fettfeindlich oder sonst wie feindlich eingestellt wäre. Das ist reine Ego-Perspektive.

Wir brauchen Menschen, die von sich nicht den Anspruch haben, perfekt rüberkommen zu müssen, sich deswegen infrage stellen können, Fehler zugestehen, zuhören, lernen, sich öffnen, sich auch mal hinten anstellen, anderen geben und sich selbst vergeben, um wieder neu zu lernen und zu wachsen und mit anderen zusammenzuwachsen. Die Eco-Perspektive.

Wir gehören zusammen. Wir fühlen miteinander. Wir sind unterschiedlich. Wir sind fähig, mutig einzustehen, für uns selbst und andere. Wir können so viel mehr sein, als wir momentan sind!

Auf dem Cover vom Bilderbuch stehen all die Farben und Formen für unsere Unterschiedlichkeiten. Sieht Maxie die voller Angst an und geht ihnen aus dem Weg oder sieht Maxie vielmehr voller Überraschung diese Facetten und begegnet ihnen mit Interesse? Überraschung ist eine tolle Emotion. Sie fegt alle anderen Emotionen weg, damit wir offen für die neue Situation sind. Wenn wir andere überraschen, entstehen neue Situationen und wir können in uns selber sogar neue Facetten entdecken.

Diese Auseinandersetzung mit uns selbst und anderen gemeinsam mit angstbefreiter Überraschung, kann Wunden in Wunder verwandeln. Wir sehen jemanden in einem neuen Licht, weil wir unser Licht auf das Gegenüber richten. Unsere Aufmerksamkeit. Wirkliche Auseinandersetzung mit der Intention, etwas verstehen zu wollen. Trotzdem werden wir uns nie in der Gänze verstehen. Wir schauen immer aus unserer eigenen Brille. Deswegen fällt auf dem Cover zwar Licht um den schwarzen Stern, der übrigens aus Menschen oder Seelen besteht, die sich an den Händen halten, sich begegnen und tanzen (sich feiern), jedoch bleiben sie schwarz, ein Mysterium. Das werden wir immer irgendwie füreinander sein und das Schöne dabei ist: Das wird uns immer mit dieser magischen Überraschung versorgen. Versorgen und verändern und alles, was durch die Veränderungen aufgebrochen ist, wieder heilen lassen.

Ich werde mich jeden Tag weiter hinterfragen, ich werde lernen und wachsen und ich bitte Dich darum, mir dabei die Hand zu reichen und diesen Weg selbst zu gehen. Wir müssen uns nicht real begegnen, weder Freund*innen noch Feinde sein. Nur zusammen auf dieser Reise sein. Wir sind dazu in der Lage, uns selbst und andere zu lieben. Ob wir uns nun kennen oder nicht. Ich hoffe, die Liebe bleibt schließlich stärker als das, was uns trennt ...

Voller Wut und in Liebe für Dich,

Yannick-Maria













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