Eine Reise beginnt: Eternals & Reflexitainment
- Yannick-Maria Reimers
- vor 3 Tagen
- 4 Min. Lesezeit
Aktualisiert: vor 2 Tagen
Bevor die Reise beginnt
Eternals erzählt im Marvel-Universum eine fiktive Ursprungsgeschichte, in der die Eternals die Entwicklung der Menschheit über Jahrtausende hinweg begleiten. Dabei verbindet der Film Schöpfungs- und Ursprungserzählungen mit Fragen nach Menschlichkeit, Verantwortung, Liebe, Macht und gesellschaftlicher Entwicklung.
Für mich ist Eternals deshalb weit mehr als ein Superheldenfilm. Er lädt dazu ein, über uns selbst, unsere Beziehungen und die Welt nachzudenken.
Für diese Blogreihe musst du den Film nicht gesehen haben. Der Trailer kann jedoch einen ersten Eindruck von den Figuren und ihrer Geschichte vermitteln. Wenn du Eternals bereits kennst, lade ich dich ein, den Film noch einmal mit einem neuen Blick zu betrachten.
In den folgenden Beiträgen nutze ich Reflexitainment als kulturwissenschaftliche Leseart. Gemeinsam erkunden wir, welche Fragen die Figuren aufwerfen, welche Verbindungen sich zwischen persönlichen Erfahrungen, gesellschaftlichen Strukturen und globalen Herausforderungen zeigen und wie Geschichten uns dabei helfen können, uns selbst und unsere Welt besser zu verstehen.
Vielleicht entdeckst du dabei nicht nur neue Perspektiven auf Eternals, sondern auch auf dein eigenes Leben.
Was Ajak und Sersi über Menschlichkeit lehren
Bevor du weiterliest, möchte ich dir kurz erzählen, worauf wir uns gemeinsam einlassen. Dieser Beitrag ist keine klassische Filmbesprechung und auch keine wissenschaftliche Analyse im engeren Sinn. Er ist eine Einladung, einen Film als Gesprächspartner zu betrachten. Gemeinsam erkunden wir, weshalb mich die Figuren Ajak und Sersi aus Marvels Eternals während meines Kulturwissenschaftsstudiums so intensiv begleitet haben, weshalb sie mich immer wieder an meine Mutter erinnern und warum daraus nach und nach mein Ansatz Reflexitainment gewachsen ist. Vielleicht wirst du den Film danach mit anderen Augen sehen. Vielleicht erkennst du aber auch etwas über dich selbst.
Wahrnehmen, bevor wir urteilen
Als ich Eternals zum ersten Mal sah, erwartete ich einen weiteren Superheldenfilm. Mit jeder erneuten Sichtung verschob sich mein Blick. Immer weniger interessierten mich die Kämpfe und immer stärker beschäftigten mich die Beziehungen zwischen den Figuren. Mir fiel auf, dass die eigentliche Entwicklung des Films nicht darin besteht, dass die Eternals die Menschheit verändern. Mindestens genauso wichtig ist, dass die Menschheit die Eternals verändert. Aus dieser Beobachtung entstand für mich eine der Grundideen von Reflexitainment: Geschichten können Räume schaffen, in denen wir unser eigenes Weltbild neu betrachten.
Ajak – Sensibilität als Stärke
Ajak wirkt auf den ersten Blick ruhig und unscheinbar. Gerade darin liegt für mich ihre besondere Stärke. Sie beobachtet, hört zu und lässt sich von ihren Erfahrungen berühren. Sie erkennt, dass Erkenntnis nicht nur aus neuen Informationen entsteht, sondern auch daraus, dass Beziehungen die Bedeutung unseres Wissens verändern. Sie weiß seit Jahrhunderten, welchen Auftrag Arishem ihr gegeben hat. Die Fakten bleiben dieselben. Was sich verändert, ist ihre moralische Bewertung. Je länger sie mit Menschen lebt, desto weniger kann sie sie auf ihre Funktion innerhalb eines kosmischen Plans reduzieren.Gerade darin erkenne ich eine Haltung wieder, die mich auch wissenschaftlich geprägt hat. Gute Forschung bedeutet nicht nur, neue Informationen zu sammeln. Sie bedeutet auch, bereit zu sein, die eigene Perspektive zu hinterfragen. Ajak verändert nicht die Wirklichkeit – sie verändert ihre Beziehung zur Wirklichkeit. Vielleicht beginnt Erkenntnis genau dort, wo wir den Mut haben, uns selbst von dem verändern zu lassen, was wir erforschen.
Sersi – Die Liebe zum Leben
Sersi begegnet der Welt mit Staunen. Sie interessiert sich für Geschichte, Kunst, Kultur und die kleinen Momente des Alltags. Dass sie in einem Museum arbeitet, empfinde ich nicht als Zufall. Museen erzählen Geschichten darüber, wer wir waren, wer wir sind und wer wir sein möchten. Kulturwissenschaft stellt ähnliche Fragen. Deshalb habe ich mich während meines Studiums immer wieder in ihrer Figur wiedergefunden. Nicht, weil wir dieselben Erfahrungen machen, sondern weil uns dieselbe Neugier verbindet: Wie entstehen Kulturen? Warum erzählen Menschen Geschichten? Und weshalb verändern diese Geschichten unser Zusammenleben? Sersi schützt die Menschheit nicht deshalb, weil sie vollkommen wäre, sondern weil sie in jedem einzelnen Leben Möglichkeiten erkennt. Für mich verkörpert sie eine Haltung, die ich auch in Reflexitainment wiederfinde: Wirkliche Veränderung beginnt häufig dort, wo wir Beziehungen eingehen und bereit sind, unsere Perspektive zu erweitern.
Warum mich Sersi an meine Mutter erinnert
Während ich begann, diese Figuren kulturwissenschaftlich zu analysieren, musste ich immer häufiger an meine Mutter denken. Sie liebte Bücher, Mythen und tiefe Gespräche. Nach ihrem Tod blieben ihre Notizen und Bücher zurück. Heute sind sie für mich keine Erinnerungsstücke mehr, sondern Gesprächspartner. Wenn ich eines ihrer Bücher öffne, lese ich nicht nur einen Text. Ich lese ihn zugleich mit dem Wissen, dass genau dieses Buch einmal ihre Gedanken beschäftigt hat. Vielleicht besteht Erinnerung genau darin: Nicht die Vergangenheit festzuhalten, sondern das Gute weiterzudenken, das ein Mensch in uns hinterlassen hat und sich immer wieder neu zu verbinden. Sersi liebt das Leben, meine Mutter liebte das Leben – und auch ich versuche, dieser Haltung immer wieder zu folgen. Im Film wird diese Lebensbejahende Eigenschaft von Sersi gezeigt indem sie Liebesbeziehungen und Freund*innenschaften eingeht, aber auch indem sie tanzt. Die Sehnsucht nach tiefen Verbindungen und die Freude am Tanzen verbindet Sersi, meine Mama und mich. Sersi ist außerdem Künstlerin und Wissenschaftlerin. Meine Mama malte gerne und setzte sich philosophisch mit sich selbst und der Welt auseinander. Dies sind wieder viele Verbindungen zu mir als Kulturwissenschaftler*in und Künstler*in.
Reflexitainment beginnt mit Beziehungen
Je länger ich über Ajak, Sersi und meine Mutter nachdachte, desto klarer wurde mir, dass Reflexitainment nicht mit Theorien beginnt. Es beginnt mit Begegnungen. Geschichten berühren uns, bevor wir sie analysieren. Erst danach entstehen Begriffe, Modelle und wissenschaftliche Fragen. Für mich beginnt Reflexitainment dort, wo Unterhaltung nicht beim Konsum endet, sondern zum Ausgangspunkt von Selbstreflexion wird. Filme, Serien, Bücher und Spiele werden zu Gesprächspartnern, die neue Fragen über uns selbst ermöglichen. Gleichzeitig ist Reflexitainment eine Hommage an reflexive Wissenschaft und situiertes Wissen.
Zum Mitnehmen
Wenn du aus diesem Beitrag nur einen Gedanken mitnimmst, dann vielleicht diesen: Menschen verändern sich selten allein durch Fakten. Häufig verändern sie sich, weil sie Menschen begegnen, die ihren Blick auf die Welt erweitern. Vielleicht beginnt Menschlichkeit genau dort, wo wir aufhören, Menschen nur nach ihrer Funktion zu betrachten. Geschichten verändern nicht zuerst die Welt. Oft verändern sie zunächst den Blick, mit dem wir auf die Welt schauen – und manchmal ist genau das der Anfang von allem.
Ausblick
Im nächsten Beitrag verlassen wir die eher ruhigen Fragen nach Wahrnehmung und Fürsorge und wenden uns einer schwierigeren Seite von Eternals zu. Gemeinsam mit Thena und Gilgamesh fragen wir, was Erinnerung mit Identität zu tun hat, warum schmerzhafte Erfahrungen uns prägen und weshalb Gilgameshs letzte Worte – »Thena, erinnere dich.« – weit über den Film hinausweisen.


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